Anlegen will gelernt sein


54o 11` N 011o 32` E

Nachmittägliches Einlaufen in einen großzügig angelegten Hafen im Süden Englands – lange Stege, großer Abstand von Steg zu Steg, viel freies Wasser. Die Situation ähnelte ein bisschen einer Regatta: Nahezu gleichzeitig rauschen aus allen Himmelsrichtungen die Regattiers an, um die Tonne zu runden – hier waren es ein paar Boote mit dem erklärten Ziel, einen geschützten Liegeplatz zu ergattern. Alles klappte wie am Schnürchen – einer nach dem anderen suchte, fand, legte an. Man half sich gegenseitig, nahm Festmacherleinen an. Wir erkannten Gesichter, die uns auf unserem Törn schon hin und wieder begegnet waren: ein Schweizer Pärchen, ein deutscher Einhandsegler, zwei Deutsche, die ihre Überfahrt auf die kanarischen Inseln planten. Wir gingen zum gemeinsamen Anlegebier über.

Seemannsgarn?

Plötzlich ertönte lautes Geschrei. Und dann spielte sich in rasend schneller Zeit eine Szene ab, wie ich sie seit vielen Jahren schon gern als Seemannsgarn erzählt hätte. Sie war mir nur bis dahin noch nicht eingefallen…

Eine sportliche, rund 12 Meter lange Yacht lief recht zügig ein, einen schönen Liegeplatz fest im Visier. Der Beweis für Sportlichkeit und Professionalität klebte weithin sichtbar und gut leserlich am Bug: eine Startnummer für das legendäre Hochseerennen Fastnet Race! Stolze Regattasegler lassen ihre Startnummern auch gern noch tage- und wochenlang nach überstandener Regattatortur am Schiff prangen. Was meistens zu Bewunderung der gewöhnlichen Seglerwelt führt. Und stolz darf man schon sein, wenn man es als einer von mehr als 300 Teilnehmern ins Ziel geschafft hat, besonders wenn man das Abenteuer two-handed, also zu zweit, gewagt hat.

Hafenkino

Oberhalb der großen Startnummer stand ein Mann mit der Vorleine in der Hand. Er war bereit zum Absprung, um Steg und Schiff voreinander zu schützen und so das Schlimmste beim Anlegen zu verhindern. Mit einem Mal hörten wir laute Schreie des Fastnet-Bezwingers am Steuer. Die Situation ließ vermuten, dass der Steuermann seinen Vorschoter zum Springen auf den Steg aufforderte. Der wollte wohl, aber der Bug war noch zu weit weg vom Steg und das Schiff viel zu schnell. Mutig, wie ich fand, sprang er dann doch, die Vorleine fest in der Hand. Mit der Leine allein konnte er das Schiff nicht aufstoppen, die Vorleine glitt aus seinen Händen ins Wasser. Da erst reagierte der Steuermann, kuppelte rückwärts ein und gab Vollgas. Gerade noch konnte er eine unsanfte Stegberührung und eine mit der Vorleine verstopfte Schraube verhindern. Immer noch unter Vollgas setzte der Skipper zurück, er wollte nun einen großen Bogen drehen und dann einen neuen Anlauf nehmen. Um ein Haar hätte er beinahe noch einen Feind übersehen, denn inzwischen wollte eine weitere Yacht am Steg gegenüber festmachen. Gezwungenermaßen wich er aus – allerdings geradewegs in Richtung der Schutzmole. Schreiend und fluchend saß er auf den riesigen Betonfelsen auf.

Besonderes Anlegen

Mit einem Mal war es sehr ruhig geworden. Nach einer Weile beobachteten wir den Vorschoter, der ja glücklicherweise vorher am Steg abgesetzt worden war, auf dem Weg in Richtung Hafenbüro. Mit dem Schlauchboot des Hafenmeisters konnte dann der übernächtigte Regattasegler aus den Steinen geborgen und am Steg festgemacht werden. Eine besondere Art anzulegen… Am Abend war die Yacht verschwunden – diesmal ganz leise und unauffällig.


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